Über 35 Bonner Kinderärzt:innen und Sportmediziner:innen fordern in ihrem Brief an Oberbürgermeister Guido Déus und den Stadtratr sichere Radwege. Sie seien eine wichtige Voraussetzung für die Gesundheit, der körperliche Unversehrtheit und die Zukunftschancen von Kindern und Jugendlichen. Eine Verkehrskrise dürfe nicht zulasten der Schwächsten gelöst werden, schreiben sie.
Hier der ganze Brief (Hervorhebungen von der Redaktion)
Offener Brief an Oberbürgermeister Guido Déus und den Rat der Bundesstadt Bonn
Die Sicherheit von Kindern und die Zukunft einer gesunden Mobilität dürfen nicht aufs Spiel gesetzt werden!
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Déus, sehr geehrte Mitglieder des Rates der Bundesstadt Bonn,
als Bonner Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie Sportmedizinerinnen und Sportmediziner beobachten wir die aktuellen Pläne, im Zuge der Sperrung der Nordbrücke bestehende Radwege und Umweltspuren zurückzubauen mit großer Sorge. Dass nun bereits erste infrastrukturelle Fakten geschaffen werden, ohne der Öffentlichkeit den Gewinn für den Verkehrsfluss mit Daten zu erklären oder gar zu belegen, halten wir zudem für grundsätzlich falsch.
Niemand bestreitet die Schwere der Situation. Die Sperrung einer Verkehrsachse, die zuvor täglich von rund 100.000 Menschen mit ihren Fahrzeugen genutzt wurde, stellt Bonn und die gesamte Region vor enorme Herausforderungen. Gerade deshalb müssen die nun beschlossenen oder diskutierten Maßnahmen besonders sorgfältig geprüft werden. Aus medizinischer und entwicklungspsychologischer Sicht geht es bei dieser Debatte um weit mehr als um Verkehrsfluss oder Stauminuten – es geht um die Gesundheit, die körperliche Unversehrtheit und die Zukunftschancen der Bonner Kinder und Jugendlichen.
Dies ist eine Dimension, die in der öffentlichen Debatte bislang zu wenig Beachtung findet: Sichere Radwege sind Gesundheitsinfrastruktur.
Seit Jahren versuchen wir, Kinder, Jugendliche und deren Familien zu mehr Alltagsbewegung zu motivieren. Bewegungsmangel, Übergewicht und die langfristigen Folgen eines inaktiven Lebensstils stellen erhebliche gesundheitliche Herausforderungen dar. Sie begünstigen unter anderem Adipositas, Diabetes mellitus und Bluthochdruck und wirken sich langfristig auf die körperliche und psychische Gesundheit aus.
Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, wie entscheidend sichere und alltagstaugliche Wege für das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen sind. Ob Kinder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule, zum Sportverein oder zu Freundinnen und Freunden gelangen, hängt maßgeblich davon ab, ob Eltern diese Wege als sicher einschätzen.
Sichere Radwege fördern zudem Selbstständigkeit und soziale Teilhabe. Werden diese Strukturen zurückgebaut, trifft dies insbesondere die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft: Kinder, ältere Menschen und zusätzlich diejenigen, die das Fahrrad nur dann nutzen, wenn sie sich dabei sicher fühlen. Auch Familien mit geringerem Einkommen sowie Jugendliche, die auf eigenständige Mobilität angewiesen sind, werden dadurch benachteiligt. Wer Kindern hingegen sichere Wege zur Schule, zum Sportverein oder zu Freundinnen und Freunden ermöglicht, investiert unmittelbar in deren Gesundheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität.
Die Geschichte anderer Städte zeigt bereits: Verkehrskrisen können auch zu einem „positiven“ Wendepunkt werden – wenn der Schutz von Kindern konsequent mitgedacht wird. Amsterdam gilt heute als Vorbild für sicheren Radverkehr und lebenswerte Mobilität, weil in den 1970er Jahren nach vielen schweren Verkehrsunfällen mit Kindern ein gesellschaftliches Umdenken einsetzte. Die Lehre daraus sollte sein, Risiken frühzeitig zu reduzieren und nicht erst dann zu handeln, wenn schwere Unfälle bereits geschehen sind.
In der aktuellen Debatte hingegen wurde darauf verwiesen, dass politische Verantwortung spätestens dann eingefordert werde, wenn es zu Unfällen komme. Aber genau das darf nicht der Maßstab politischen Handelns sein. Verantwortungsvolle Prävention bedeutet, vorher zu handeln, nicht sich hinterher erklären zu müssen!
Die Sperrung der Nordbrücke ist zweifellos ein ernstes Infrastrukturproblem. Sie darf jedoch nicht zum Anlass genommen werden, bewährte und sichere Radverkehrsinfrastruktur abzubauen, die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen, sowie deren Familien zu gefährden oder langfristige gesundheitliche und gesellschaftliche Ziele aufzugeben.
Wir appellieren deshalb an Sie,
- Kindersicherheit ohne Kompromisse zu priorisieren,
- jeglichen Rückbau von sicherer Radinfrastruktur zu stoppen,
- den Ausbau sicherer Rad- und Fußwege zu fördern, um Alltagsbewegung von Kindern und Jugendlichen aktiv zu ermöglichen, statt zusätzliche Hürden zu schaffen.
Eine Verkehrskrise darf nicht zulasten der Schwächsten gelöst werden.
Lassen Sie uns daher gemeinsam dafür sorgen, dass Bonn auch für Kinder, Jugendliche und Familien sicher, gesund und zukunftsfähig bleibt.
Dr. Julian Alexander von Hasselbach
Referent für Kinder- und Jugendsport Sportärztebund Nordrhein,
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Sportmedizin
Dr. Vincent Groth
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Mitzeichnende Ärzte
Dr. Daniela Arvand, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Martin Beck, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Verena Blank, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Anna Blatzheim, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin,
Dr. Marianne Eßer, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Johannes Friese, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Neuropädiatrie
Dr. Axel Gerschlauer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Catalina Ginghina, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Wolfram Götz, Facharzt für Kinderchirurgie
Prof. Dr. Lorenz Grigull, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie
Dr. Alexander Gröner. Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Katrin Grunwald, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Wolf Groß, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderkardiologie
Dr. Brigitte Hager, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Maren Halbig, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Tobias Humbert, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Pieter-Jan Kaas, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Annette Kornbrust, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Tobias Kratz. Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderkardiologie, Sportmedizin
Dr. Catharina Lorenzen, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Ursula Manunzio, Ärztin für Sportmedizin
Dr. Ines Pelster, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderkardiologie, Sportmedizin
Dr. Joachim Peitz-Kornbrust,Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderendokrinologie und -Diabetologie, Kinderrheumatologie
Dr. Anthea Peters. Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderkardiologie
Dr. Isabella Prickartz, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Valentin Schaeben, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Kristina Schmitz. Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Ingeborg Schwalber-Schiffmann, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Barbara Steiner, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Anila Sternberg, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Britta Stöcker, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Nadja Thomas, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin
Dr. Alexander Weigert, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

