Bunte Tomatensorten

Foto: Gesa Maschkowski

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Ernährung und Landwirtschaft: was der Klimaschutzbeirat der Stadt Bonn empfiehlt

Schritte zu einer vielfältigen lokalen Versorgung

Schulgärten, Bauernmärkte und ein Bau-Moratorium für unsere Äcker – das sind einige der Empfehlungen für ein klimafreundliches Bonner Ernährungssystem.

in Kürze

  • 150.000 Tonnen CO2 entstehen in Bonn allein dadurch, was und wie wir essen. So die Schätzung von ICLEI, dem Zusammenschluss nachhaltiger Kommunen und Regionen. Der Klimaschutzbeirat macht deutlich: Unsere Klimaziele erreichen wir nur, wenn wir auch das Ernährungssystem umbauen.
  • Ein Ernährungsrat soll die Ernährungswende in der Bonner Region voranbringen.
  • Eine Bonner Ernährungsstrategie soll alle Beteiligten in die Lage versetzen, an einem Strang zu ziehen: die Landwirtschaft, die Schulen, Quartiere, Unternehmen, Kantinen und Restaurants.

Ein Viertel aller Klima- Emissionen geht auf das Konto von Ernährung und Landwirtschaft. Der Bonner Klimaschutzbeirat hat deswegen am 22. Februar 2022 ein umfangreiches Empfehlungspapier verabschiedet. Er präsentiert darin mehr als 20 Ansätzefür eine regionale Ernährungswende vom Acker bis zum Kompost.

Damit unsere Stadt klimaneutral wird, muss sich auch im kommunalen Ernährungssystem vieles ändern. Zwei Mitglieder des Bonner Klimaschutzbeirates,Dr. Gesa Maschkowski, Bonn im Wandel e.V., und Mathias Johnen, DEHOGA Nordrhein e.V., haben daher die Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft ins Leben gerufen. Unterstützung holten sie sich von Expertinnen, die sich ebenfalls intensiv mit dem Bonner Ernährungssystem beschäftigt haben: Dorle Gothe, Vorstand Regionalwert AG Rheinland, Charlotte Binder, Universität Bonn und Marion Guénard von ICLEI, dem weltweiten Bündnis von Städten, Gemeinden und Landkreisen für Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung.

Das Ergebnis ist ein langfristig ausgerichtetes Programm mit zahlreichen Ansätzen für die Bonner Ernährungswende. Der Klimaschutzbeirat verabschiedete das Empfehlungspapier noch am selben Abend. Was schlagen die Expert:innen konkret vor?

Einen Ernährungsrat als Impulsgeber

Ein Ernährungsrat ist ein Gremium, in dem Bürger:innen, Akteure und Akteurinnen des lokalen Ernährungssytems und Mitarbeitende der Verwaltung zusammenkommen. Ihr gemeinsames Ziel: Die Lebensmittelproduktion und -versorgung in der Region klimafreundlich, ressourcenschonend und gesundheitsförderlich zu gestalten. Dafür braucht es eine kommunale Ernährungsstrategie. Der Ernährungsrat koordiniert und begleitet die Umsetzung.

Die Bonner Strategie sollt nach Empfehlungen des Klimaschutzbeirates sechs Handlungsfelder abdecken.

1. Landwirtschaft klimafreundlich ausrichten

Damit wir uns klimafreundlich ernähren können, müssen wir die Obst- und Gemüse-Produktion auf den Äckern verdoppeln, so die Empfehlungen der Planetarischen Ernährungsstrategie (Planetary Health Diet). Der Klimaschutzbeirat empfiehlt daher eine Potenzialanalyse für Bonn und Region: Wie können wir die regionale und nachhaltige Lebensmittelproduktion verbessern? Außerdem empfiehlt der Beirat zu prüfen, ob die Kommunen im Umland einen Baustopp für Ackerflächen verhängen können. Denn durch den  „Flächenfraß“ verlieren wir kostbare Anbaufläche. Die rheinischen Böden gehören zu den fruchtbarsten Böden von Europa.

Und wir brauchen unsere Landwirtinnen und Landwirte als Klimaschützer:innen, denn auf ihren Ackerflächen können sie CO2 binden, z. B. durch mehr Hecken und Bäume (Agroforst), Humusaufbau, die Herstellung von Biokohle und Terra Preta (Schwarzerde), Mulchen und Kompostierung. Auch dafür empfiehlt der Klimaschutzbeirat eine Potenzialanalyse: Welche Möglichkeiten gibt es in unserer Region, CO2 zu binden? Kurzfristig soll ein runder Tisch geschaffen werden, der einen Erfahrungsaustausch zwischen Landwirten/Landwirtinnen und Beratenden aus der Region ermöglicht.

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Auf dem Gerstenfeld wachsen Bäume - das ist Agroforst
Agroforst auf dem Gerstenfeld in Frankreich
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Agroforst auf einem staatlichen Versuchsgut in Frankreich: Die Bäume binden CO2 im Holz und im Boden - gleichzeitig steigt der Ertrag auf dem Feld.

2. Mehr Regio auf der Speisekarte: Regionale Wertschöpfungszentren

Es braucht Orte, an denen regionale Lebensmittel verarbeitet und z. B. für Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung bereitgestellt werden. Hier kommen Regionale Wertschöpfungszenten ins Spiel. Sie können auf verschieden Wegen die lokale Kreislaufwirtschaft stärken:

  • Landwirtschaftliche Erzeugnisse werden angeliefert und für die Weiterverarbeitung vorbereitet.
  • Unternehmer:innen aus dem Bereich der Lebensmittelerzeugung und -verarbeitung kommen zusammen, um sich zu vernetzen und Kooperationen aufzubauen.
  • Es gibt Qualifikations- und Bildungsangebote sowohl für Fachkräfte, die im Ernährungssystem beruflich tätig sind, als auch für Bürger:innen.

Als weiteren Baustein für die Stärkung der Wertschöpfung vor Ort empfiehlt der Beirat ein Regio-Label. Damit könnten Erzeuger:innen, Handel, Lebensmittelhandwerk und Gastronomie ihre Produkte kennzeichnen. Das schafft für Verbraucher:innen Transparenz und Kaufanreize.

3. Klimafreundlich essen in Kantinen, Restaurants und Imbissen

Einen großen Anteil unserer Mahlzeiten essen wir gar nicht mehr zu Hause. Daher muss auch die Verpflegung in Kitas, Schulen und Kantinen nachhaltiger werden. Der Klimaschutzbeirat empfiehlt die Einrichtung von runden Tischen. Akteurinnen und Akteure aus Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie sollen sich regelmäßig austauschen und voneinander lernen, wie sie ihr Angebot klimafreundlicher gestalten können.

4. Vielfältige Angebote im direkten Umfeld

Mehrfach am Tag entscheiden wir, was wir essen. Was am Ende auf dem Teller landet, hängt stark davon ab, was in unserem direkten Umfeld angeboten wird. Wichtig ist also, dass klimafreundliche Lebensmittel für alle leicht verfügbar und bezahlbar sind. Daher empfiehlt der Klimaschutzbeirat: Erst in Modellquartieren und später stadtweit soll die Nahversorgung mit bio-regionalen Produkten verbessert werden, z. B. durch die Einrichtung von Feierabendmärkten, Bio-Regio-Läden, SoLaWi-Abholstellen und Quartiersgärten.

5. Bildung für eine fröhliche öffentliche Ernährungskultur

Wie macht man Mut und schafft Vertrauen, dass wir etwas verändern können? Durch positive Lebenserfahrungen oder Learning bei Doing. Deswegen brauchen Kinder wieder gute Gelegenheiten, solche praktischen Erfahrungen zu machen. Der Klimaschutzbeirat empfiehlt der Stadt eine  „Landschaft der erfahrungsbezogenen Lernorte“ zu entwickeln. Denn die Arbeit in Schul- oder Gemeinschaftsgärten und (Gemeinschafts-)Küchen macht den Umgang mit Lebensmitteln sinnlich erfahrbar. Das gemeinsame Tun stärkt das Miteinander. Es braucht eine Bildungsstrategie für erfahrungs- und kompetenzorientiertes Lernen über klimafreundliche Landwirtschaft und Ernährung.

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Kinder hacken den Boden
Kinder hacken den Boden
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Foto: Gesa Maschkowski

Learning by Doing: In der Waldorfschule Tannenbusch bereiten Schüler:innen den Boden vor

6. Lebensmittelabfälle verringern, Reste verwerten

Wenn wir weniger Lebensmittel wegwerfen, ist schon viel geschafft. Denn so brauchen wir weniger wertvolle Rohstoffe wie Wasser, Land, Düngemittel. Was dann trotzdem noch übrig bleibt, sollte nicht auf dem Müll landen, sondern wiederverwertet werden, so der Klimaschutzbeirat. Aus Lebensmittelresteh lassen sich zum Beispiel Terra Preta oder Biogas herstellen. An einem Runden Tisch sollen Akteure und Akteurinnen aus Lebensmittelerstellung und -verarbeitung zusammenkommen und gute Ideen dazu entwickeln, wie weniger Lebensmittel im Müll landen.

Der Beirat empfiehlt der Stadt Bonn auch, sich wissenschaftliche Expertise zu holen, z. B. von Expert:innen für Kreislaufwirtschaft oder dem Center für Service Learning der Uni Bonn.

Drei Fragen an Dr. Gesa Maschkowski,

Koordinatorin der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft im Klimaschutzbeirat

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Gesa Maschkowski
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Foto: Dirk Gornickel

Wie geht es weiter, was passiert jetzt mit den Empfehlungen?

Das Empfehlungspapier findet sich jetzt schon im Ratssystem der Bundestadt Bonn und kann jetzt online abgerufen werden. Am 31. März 2022 wurde es dem Umweltausschuss vorgestellt. Die Politik muss dann überlegen, ob und in welcher Form sie die Empfehlungen aufgreift.

Wo siehst du die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung ist immer, die Betroffenen an einen Tisch zu bringen und eine Strategie zu entwickeln, die wirklich Veränderung ermöglicht und nicht nur Kosmetik ist. Mit ein paar Projekten hier und ein paar Aktivitäten dort bekommen wir unser Ernährungssystem nicht klimaneutral. Es braucht einen guten Plan, der mit den Beteiligten entwickelt wird. Klare Ziele und die Kontrolle der Ziele. Die Voraussetzung dafür ist, dass alle wissen, worum es geht, was auf dem Spiel steht und was die Chance ist. Dafür haben wir jetzt einen kleinen Aufschlag gemacht. Das ist aber nur ein kleiner Anfang.

Welche Chancen siehst du?

Gutes Essen aus einer gesunden Natur ist eines der schönsten Dinge dieser Erde. Die regionale Ernärungswende ist eine Einladung an uns, wieder zu erfahren, wie schön es sein kann, wenn man gemeinsam etwas isst, das so erzeugt wurde, dass es Menschen und Natur gut dabei geht. Es ist eine Einladung, ein paar Dinge, die schief gelaufen sind, wieder in Ordnung zu bringen.

Eine klimafreundliches Ernährungssystem ist aber auch eine große Chance für die Wirtschaft. Die Produktion, Zubereitung und Verarbeitung von regionalen Lebensmitteln schafft Arbeitsplätze. Und aus Lebensmittelresten können Start-ups innovative neue Produkte entwickeln, zum Beispiel Bier aus altem Brot.

Fragen und Antworten zum Klimaschutzbeirat

Was ist eigentlich der Bonner Klimaschutzbeirat?

Vor gut zehn Jahren verabschiedete die Stadt Bonn den „Masterplan Energiewende und Klimaschutz". Darin wurde auch festgehalten: Es soll ein Klimaschutzbeirat gebildet werden – ein Gremium, in dem Vertreterinnen und Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zusammenkommen sollen. Und zwar solche, die auf diesem Gebiet Expert:innen sind. Den Klimaschutzbeirat gibt es inzwischen (Stand Frühjahr 2022) seit ca. neun Jahren.

Wer sind die Mitglieder?

Die Mitglieder des Klimaschutzbeirats kommen aus Wissenschaft, Wirtschaft und der Zivilgesellschaft. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie viel Fachwissen mitbringen, sich schon länger für Klimaschutz engagieren und/oder hier vor Ort gut vernetzt sind. Das macht sie zu wertvollen Berater*innen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Verwaltung sowie für Politiker:innen, die dem Umweltausschuss angehören. (Ausschüsse sind Arbeitsgruppen, die sich mit bestimmten Themen intensiv beschäftigen, Vorschläge für Maßnahmen erarbeiten und Entscheidungen des Stadtrates vorbereiten.) Die Arbeit im Klimatschutzbeirat leisten die Mitglieder ehrenamtlich.

Was sind Aufgaben und Ziele des Klimaschutzbeirats?

Mitglieder des Klimabeirats haben die Aufgabe, auf Basis ihrer Erfahrung, ihrer Kenntnisse der lokalen Situation und ihres Fachwissens die Akteur:innen in Stadtverwaltung und Lokalpolitik zu beraten. Das Ziel ist, Impulse für wirksame Klimaschutzmaßnahmen zu setzen. Er soll außerdem Empfehlungen zur Klimaanpassung erarbeiten. Dazu soll das vor Ort vorhandene Engagement und Wissen im Klimaschutz genutzt werden.

Quelle und weiterführende Literatur

Die Verfasser:innen des Bonner Empfehlungspapiers zu Ernährung und Landwirtschaft haben ihre Empfehlungen ausführlich begründet und mit Literatuangaben versehen. Hier geht es zur Langversion:

Linktipps

  • Du bist an einer Schule, Kita oder anderen Einrichtung tätig? Euch steht etwas Fläche zum Gärtnern mit Kindern zur Verfügung? Die Gemüse Ackerdemie unterstützt euch dabei, einen Schulgarten anzulegen. Mit ihren Bildungsangeboten begleitet sie euch durch das Erntejahr. Hier könnt ihr Kontakt aufnehmen.
  • Der Ernährungsrat für Köln und Umgebung wurde Anfang 2016 als erster Ernährungsrat Deutschlands gegründet. Er hat eine Ernährungsstrategie für Köln auf den Weg gebracht.
  • Die AGRONAUTEN, eine Forschungsgesellschaft für nachhaltige, regionale Agrar- und Ernährungskultur, hat im Frühjahr 2021 eine Studie zu Klima- und Ernährungsszenarien in Freiburg veröffentlicht. Ergebnis: Durch eine regional angepasste Ernährung könnten fast 45 % der Treibhausgase eingespart werden. Hier geht es zu den Agronauten und ihrer Studie.+

 

Text: Sonja Corsten

Globale Nachhaltigkeitsziele – Sustainable Development Goals (SDG)

Die Empfehlungen des Klimaschutzbeirats leisten einen wertvollen Beitrag zu mindestens drei SDGs
  • SDG 2 Den Hunger beenden: Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern
  • SDG 12 nachhaltiger Produktion und Konsum: Nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen
  • SDG 15 Leben an Land: Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation  beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen
eine Person setzt junge Salatpflanzen in die Erde

Ernährung

In den letzten zehn Jahren ist viel passiert in Sachen Ernährung in Bonn. Es gibt immer mehr

Termine zum Thema

August
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Das Nachhaltigkeitsfestival „Bonn – Rundum nachhaltig“ informiert über Produktions- und Konsumverhalten , fördert die Vernetzung und klärt über einen nachhaltigen Lebensstil auf.

17.09.22, 11:00 - 17:00
Adresse
Münsterplatz, 53111 Bonn

Am 25. September findet der Spendenlauf der Welthungerhilfe wieder in Präsenz in den Bonner Rheinauen statt. Gemeinsam Laufen für eine Welt ohne Hunger und Armut.

25.09.22, 10:00 - 14:00
Adresse
Bonner Rheinauen, Japanische Gärten
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